Interview mit der Regisseurin

Frage: Was hat Sie dazu veranlasst, ‚The Age of Stupid‘ zu machen?
Franny Armstrong: Entweder gehen wir den Klimawandel ernsthaft an, oder wir werden einen Großteil des Lebens auf der Erde auslöschen. Deshalb ist es für mich als Filmemacherin auch keine besonders schwierige Entscheidung, mit welchem Thema man sich beschäftigen sollte. Ich kann im Grunde gar nicht verstehen, wie irgendjemand, der das Problem begreift, überhaupt etwas anderes machen kann.

Frage: Worin liegen die Stärken eines Mediums wie dem Film, um große, komplexe Themen wie den Klimawandel zu illustrieren?
FA: Ich glaube, dass unabhängige Dokumentarfilme im Moment der beste Weg sind, um beim Publikum die stärksten Emotionen zu erzeugen. Und gleichzeitig kann man damit auch vielen Menschen neue Ideen nahebringen, ohne dabei ständig zensiert zu werden.

Frage: Was kann der Film – im Gegensatz zu anderen Medien – kommunizieren?
FA: Nun ja, der Film bedient sich vieler verschiedener Medien – des gesprochenen Wortes, Bilder, Musik, Grafiken – und hat dadurch eine wesentlich stärkere emotionale Wirkung auf den Zuschauer als andere Medien, die nur ein Format beinhalten, wie zum Beispiel Bücher, Songs, Fotos oder Zeitungsartikel. Außerdem hat sich in der Geschichte des Kinos gezeigt, dass eine Länge von neunzig Minuten das ideale Zeitmaß ist, damit Menschen einer Geschichte folgen und sie erfühlen können.

Frage: Was waren die Kriterien, nach denen Sie die sechs Protagonisten des Films ausgesucht haben?
FA: Als alles anfing, im Jahr 2002, hatten wir ursprünglich vor, die Struktur von Steven Soderbergs Film ‚Traffic‘ zu übernehmen. Wir wollten sechs Geschichten von Menschen erzählen, die alle Seiten eines komplexen internationalen Themas beleuchten können. Er hat einen Spielfilm über Drogen gemacht, und wir wollten einen Dokumentarfilm über Öl und Klimawandel drehen. Genau das haben wir die ersten zwei Jahre auch gemacht. Etwa vor einem Jahr dachten wir dann, dass wir mit dem Film fast fertig wären. Aber mit dem Ergebnis war ich einfach nicht zufrieden. Deshalb entschieden wir uns dazu, ein fiktionales Element einzuführen – wir siedelten den Film in der Zukunft an – um die Bedeutung der sechs Lebensgeschichten aus der Gegenwart zu erklären und verstärken. Dementsprechend hatte der Film dann sechs große Themen: Konsum, Krieg, Klimawandel, alternative Energien usw. Dann haben wir ein Team von Experten auf die Recherche angesetzt, um das gesamte Spektrum des jeweiligen Themas zu untersuchen. Nach einigen Monaten konnten wir jedem Thema ein Land und eine Figur zuordnen, wie zum Beispiel die Geschichte über den Mann, der in Indien eine Billigfluglinie eröffnet hat. Oder die Story eines alten französischen Bergführers mit zwei Enkelkindern. Danach haben wir uns zwei Tickets gekauft und sind losgefahren, um die realen Personen zu finden. Jeder der Charaktere war tausend Mal interessanter und nuancierter, als ich mir je hätte vorstellen können. Und das hat meinen Glauben an die Menschheit und den Dokumentarfilm wieder verstärkt.

Frage: Welche der Geschichten finden Sie persönlich am Interessantesten?
FA: Ich muss sagen, dass ich jede einzelne total interessant finde. Es wäre mir unmöglich, eine besonders hervorzuheben. Das wäre so, als würde man ein Kind allen anderen vorziehen.

Frage: Gibt es irgendwelche Gesichtspunkte, die Ihrer Meinung nach nicht berücksichtigt wurden?
FA: Zwei Themen, die ich gern noch erwähnt hätte, waren die politischen Manöver auf höchster Ebene, die verhindern, dass ernsthaft gegen den Klimawandel angegangen wird und die Faxen hinter den Kulissen eines großen Ölkonzerns. Aber um es ganz deutlich zu sagen, wir hatten nicht den Hauch einer Chance, irgendjemanden auf dieser Ebene vor die Kamera zu bekommen. Daher mussten wir uns mit Archivmaterial und Animationen behelfen, um diese Infos im Film zu transportieren.

Frage: Was waren Ihre größten Herausforderungen während der Dreharbeiten?
FA: Im Grunde war jeder Tag in diesen dreieinhalb Jahren eine Herausforderung. Wie sollten wir vierhundertfünfzigtausend Pfund zusammenkriegen, wie sollten wir es schaffen, in Nigeria nicht entführt zu werden, wie kriegten wir die neue Kamera ans Laufen, wie sollten wir unseren CO2 Verbrauch reduzieren, wie sollten wir es schaffen, den Stoff zu dramatisieren, wie sollten wir Pete Posthlethwaite kontaktieren, wie sollten wir die OMFIs (Dateiformate) kodieren, wie sollten wir es schaffen, einen Gletscher zu besteigen, wie sollten wir unsere siebzehn Animationszeichner bezahlen? Aber wenn man wirklich spüren will, dass man am Leben ist, gibt es einfach nichts Besseres als permanente Herausforderungen – vorausgesetzt, man hat ein wertvolles Ziel vor Augen und ist umgeben von Menschen, die einen inspirieren.

Frage: Welcher Moment bei den Dreharbeiten ist Ihnen am meisten im Gedächtnis geblieben?
FA: Einer der wichtigsten Momente dauerte in Wahrheit vier Stunden. Wir warteten auf einen fünfzehnjährigen irakischen Jungen, der über die Grenze nach Jordanien kommen sollte. Seine Reise von Bagdad aus hätte eigentlich zwei Stunden dauern sollen, und er reiste über einige der gefährlichsten Straßen der Welt. Irgendwann brach der Mobilfunkverkehr mit ihm ab, womit wir gerechnet hatten und am Ende brauchte er dann doch sechs Stunden anstatt zwei. Später fanden wir den Grund heraus: Er war hinter einer amerikanischen Tankerkolonne hängen geblieben (angeblich wird man erschossen, wenn man versucht, zu überholen). In diesen vier Stunden, als ich dachte, dass jemand wegen meines Films gestorben wäre, habe ich mir die Sache nochmal gründlich durch den Kopf gehen lassen.

Frage: Welche Wirkung, hoffen Sie, wird der Film haben?
FA: Wir wollen ein Teil der globalen Bewusstseinsveränderung sein und viele Menschen dazu motivieren, ihre Regierungen dazu zu zwingen, internationale Verträge abzuschließen, um den globalen CO2 Verbrauch dramatisch zu reduzieren. Ein weiteres Ziel besteht darin, die Temperatur auf unserem Planeten um zwei Grad zu senken, damit die Erde weiterhin für uns Menschen und alle Lebewesen bewohnbar bleibt.

Frage: Wenn Sie ein Element aus dem Film herausschneiden könnten, welches wäre das?
FA: Die Frage ‚Was hinterlassen wir unseren Kindern?‘ hat inzwischen an Bedeutung verloren, weil sie so inflationär benutzt worden ist. Ich hoffe, dass jeder, der unseren Film sieht, die Antwort nicht nur verstehen sondern auch fühlen kann.

Frage: Wie können die Menschen ein Thema wie den Klimawandel, das gleichzeitig so komplex wie absurd ist, verstehen? Und warum sollten sie es überhaupt probieren?
FA: Weil die Zukunft unserer Spezies und von allem, was wir bisher erreicht haben, auf dem Spiel steht.

Frage: Glauben Sie, dass wir die Lage in den ca. hundert Monaten, die uns laut Andrew Simms von der Wirtschaftsstiftung bleiben, noch verändern können, bevor wir den Punkt erreicht haben, an dem der Klimawandel nicht mehr rückgängig zu machen ist? Falls ja, was muss dann getan werden? Oder glauben Sie nicht auch, dass in Wirklichkeit nur die Regierungen die notwendigen Entscheidungen treffen können?
FA: Als wir an McLibel gearbeitet haben (dem Film, der Website und dem Prozess), haben wir nicht eine Sekunde daran gedacht, dass wir McDonalds in irgendeiner Weise beeinflussen könnten. Wir haben es nur aus Prinzip getan und weil wir die Geschichte wichtig fanden. Als dann zehn Jahre später ihre Profite einbrachen, gab es einen generellen Bewusstseinswandel in punkto gesundes Essen. Die Gesetze darüber, wie man Junkfood für Kinder bewerben darf, wurden geändert. Wir waren darüber total verblüfft. Deshalb ist es durchaus möglich, Berge zu bewegen, auch wenn man das vorher nie geglaubt hat.

Frage: Wie haben Sie es geschafft, den CO2 Verbrauch des Films zu kalkulieren? Und haben Sie ihn gegengerechnet?
FA: Wir haben einfach nur aufgeschrieben, wie weit und mit welchem Transportmittel jeder von uns gereist ist (zu Fuß, per Fahrrad, mit dem Motor- oder Ruderboot, mit dem Zug oder dem Auto, mit dem TukTuk oder dem Hubschrauber). Außerdem haben wir notiert, wie viel Elektrizität, Benzin und Kalorien wir mitsamt unserer Ausrüstung verbraucht haben. Dann haben wir einen unserer Praktikanten gebeten, alles zusammenzuzählen. Insgesamt waren es 94 Tonnen – das entspricht dem jährlichen Energieverbrauch von vier Amerikanern oder dem Verbrauch von 185 Terrassenlampen im Monat. Ich bin der festen Überzeugung, dass unser Film 185 Terrassenlampen wert ist. Nein, wir rechnen das nicht gegen, damit macht man sich nur selbst etwas vor.

Frage: Welchen Rat können Sie jemandem geben, der zum ersten Mal eine Kamera in die Hand nimmt, um seinen eigenen Film zu machen (besonders über das Thema Umweltschutz)?
FA: Als ich meinen ersten Film McLibel gemacht habe (www.mclibel.com), haben mir alle Fernsehredakteure erzählt, die Geschichte wäre nicht stark genug. Und sie hatten jahrelange Branchenerfahrung, während ich praktisch Anfängerin war. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass ich Recht hatte und sie sich irrten. Tatsächlich stellte sich heraus, dass ich richtig lag. Deshalb sollte man sich nie von jemandem vorschreiben lassen, was man denken soll. Und – noch wichtiger – man sollte sich immer nachmittags ein kleines Schläfchen gönnen!